--- Eine Geschichte von Roland Kübler ---

HIMMEL UND HÖLLE

Zu einem der letzten Weisen kam ein einsamer Wanderer, um sich Rat zu erbitten. "Ehrwürdiger", sprach er, "ich bin lange gereist und habe viele Länder der Erde gesehen. Immer war ich auf der Suche nach Wichtigem. Ich wollte alles genau wissen, habe viel erfahren und entdeckt. Heute komme ich zu Euch, weil ich die Antwort auf eine Frage nicht finden konnte. Vielleicht könnt Ihr mir helfen."
"Du solltest fragen, wenn du etwas wissen willst", erwiderte der Weise und lächelte.
"Es mag sein", fuhr der Mann fort, "daß Ihr die Frage überflüssig findet und sinnlos. Vielleicht langweilt sie Euch auch. Möglicherweise lacht Ihr auch darüber, weil sie für dieses Leben doch nicht wichtig ist."
Der Weise schüttelte den Kopf und brummelte: "Ich wundere mich, daß du überhaupt jemals eine Antwort gefunden hast. Bist du dir wirklich sicher, daß du mich etwas fragen willst?"
"Aber ja doch", sagte der Suchende, "nur aus diesem Grunde habe ich die lange Reise zu Euch unternommen."
"Dann solltest du deine Zeit nicht mit sinnlosem Gerede vergeuden", entgegenete der Weise und sah den Mann aufmerksam an.
"Wißt ihr", begann der Ratsuchende wieder und holte tief Luft...
"Ich weiß" - der Weise lächelte verschmitzt - "aber vor der Antwort sollte die Frage kommen."
Der Mann blickte verlegen zur Seite. "Ich wollte fragen, ob Ihr mir den Unterschied zwischen Himmel und Hölle erklären könnt?"
"Du wolltest nicht fragen, du hast gefragt", stellte der Weise fest und legte dem Mann die Hand auf die Schulter. "Natürlich kann ich dir den Unterschied erklären. Noch besser ist es jedoch, wenn du einfach mit mir kommst. Ich werde dir den Unterschied zeigen."

Er stand auf, legte sich eine Decke um die Schultern, drehte sich um und ging. Dem Suchenden blieb nichts anderes übrig, als zu ihm folgen.
Auf einem steinigen verschlungenenm Pfad, der von wildwucherdem Efeu und üppigen Farn fast völlig überwachsen war, führte ihn der Weise zum Eingang einer großen Höhle ganz in der Nähe.
Vorsichtig kletterten sie hinein und stiegen den Berg hinab. Lange Zeit war es so dunkel das sie sich nur mühsam vorwärts tasten konnten. Der Ratsuchende bekam schon ein wenig Angst, denn der Weise sprach kein Wort mit ihm. Nur sein ruhiger tiefer Atem war ihm ein Zeichen in der Dunkelheit der Höhle. Endliche weitete sich der schmale Gang. Sie kamen in einen großen Raum und nahmen tausende von Menschen wahr. Ein fürchterliches Stöhnen und Schreien qälte die Ohren des Suchenden.
Die Menschen wanden sich vor Schmerzen auf dem Boden oder drängelten sich dicht um einen grossen Topf, der in der Mitte des Raumes auf einem Feuer stand. In diesem Topf schienen köstliche Speisen zu garen. Es duftete so herlich, so dass der Suchende sofort gewaltigen Hunger spürte. Mit grossen, wissbegierigen Augen blickte er in den Raum. Der Weise lehnte sich an die Felswand des Höhlenweges und beobachtete seinen Begleiter aufmerksam. Endlich wandte sich dieser zu ihm: "Ich verstehe nicht... warum schreien diese Menschen so? Was fehlt ihnen?"
Der Weise runzelte ein wenig die Stirn: "Du hast sehr lange geschaut. Hast du nichts gesehen?"
Verwirrt richtete der Mann seinen Blick wieder auf die Menschen in der Höhle und sah sie genau an. Die Menschen auf dem Boden schrieen zwar vor Schmerzen, hatten aber offensichtlich schon aufgegeben. Sie lagen nur noch da und krümmten sich. Die anderen, die um einen Platz an dem großen Topf kämpften, schienen noch voller Kraft. Rücksichtslos, manchmal sogar mit brutaler Gewalt, versuchte jeder Einzelne, möglichst nahe an den Topf zu kommen. Und plötzlich fiel dem Mann auf, daß all die Menschen, die sich um den dampfenden Topf drängten, in ihren Händen riesige Löffel hielten. Diejenigen, die am nächsten beim Topf standen, versuchten mit diesen Löffeln, die Speisen aus dem Topf zu fischen, um endlich ihren Hunger zu stillen. Die gefüllten Löffel waren jedoch viel zu lang und zu schwer für sie. Obwohl sie sich verenkten und es immer und immer wieder versuchten, gelang es keinem, die verlockenden Speisen an den hungrig aufgerissenen Mund zu führen. Zwar konnte ab und zu der eine oder andere seinen gefüllten Löffel aus dem dichten Wall von drückenden und stoßenden Menschen retten, ohne allzuviel zu verschütten. Doch dann musste er feststellen, dass seine Arme viel zu kurz waren um den langen uns schweren Löffel an den Mund zu führen. Alle Versuche der ausgehungerten Menschen, sich die Nahrung in den Mund zu schieben, endeten damit, das die Löffel umkippten oder umgestoßen wurden und die Speisen in der Erde versickerten.

Als dies der Ratsuchende erkannte, erschrak er. "Das ist ja schrecklich! Welche Qualen müssen diese Menschen erleiden. Dies ist wirklich die Hölle."
"Ja", murmelte der Weise, und jetzt lächelte er nicht mehr, "und das Furchtbare daran ist, dass diese Menschen ganz genau wissen, was sie tun." Er zog sich seine Decke noch dichter um die Schultern, als ob ihn frösteln würde. "Aber komm jetzt weiter. Ich will dir den Himmel zeigen."

Nur zu gerne folgte der Suchende dem Weisen und noch lange hörten sie auf dem Weg durch den Berg die Schmerzensschreie und das Stöhnen der ausgehungerten Menschen. Der Weg führte sie weiter in den Berg hinein. Wieder war es lange dunkel, eng und sehr beschwerlich zu gehen. Oft stolperte der Suchende, während der Weise, so als ob er diesen Weg ganz genau kennen würde, leicht und sicher über jede Bodenunebenheit schritt und auch den scharfkantigen Felsvorsprüngen des Ganges auswich. Dann endlich öffnete sich der schmale Weg und sie fanden sich wieder in einem großen Raum. Dieser unterschied sich durch nichts von dem Ersten. Auch hier sahen sie tausende von Menschen. In der Mitte des Raums stand der große Topf und es schien dem Ratsuchenden, als würden in ihm dieselben herrlichen Speisen gekocht. Im Gegensatz zur Hölle jedoch war es hier angenehm ruhig. Die Menschen standen zu zweit oder in kleinen Gruppen und sprachen miteinander.
"Ich verstehe nicht", murmelte der Suchende erstaunt und mehr zu sich selbst. "Dies soll der Himmel sein? Hier sieht es doch genauso aus, wie in der Hölle. Die Menschen haben sogar die selben Löffel in den Händen. Diese Löffel, die zu lang und zu schwer sind, um damit essen zu können."
Der Weise hatte sich inzwischen auf einem großen Stein am Eingang gesetzt. Er schaute in den Raum und es schien, als würde er sich freuen. "Ja, ja. Du hast recht", erwiderte er, drehte sich zu dem Ratsucheden um und lächelte mit kleinen Funken in den Augenwinkeln. "Hier ist es wirklich genauso wie im ersten Raum. Und doch gibt es Unterschiede."
"Aber" - der Suchende war so aufgeregt, dass er den Arm des Weisen packte - "ich kann keine feststellen. Schau doch - es ist alles genau gleich. Der Raum, der Topf auf dem Feuer, die vielen Menschen und die viel zu langen und schweren Löffel. Und trotzdem ist es hier ruhig. Alle sehen zufrieden aus. Die Menschen reden miteinander und scheinen satt zu sein. Wie kommt dies?"
"Warum schaust du mich an, wenn du eine Antwort auf diese Frage willst. Schau hinüber. Dort findest du die Antwort." Die Augen des Weisen verschwanden hinter den großen Lachfalten, "Wozu hast du eigentlich Augen, wenn du damit nicht sehen kannst, was wirklich ist. Vertraust du darauf, dass ich dir sagen werde, was du siehst?"

Lachend tanzte der Kopf des Weisen, während er sich die Decke von den Schultern zog. Er schien sich wirklich sehr wohl zu fühlen. Der Ratsuchende blickte wieder in den Raum, und plötzlich bemerkte er an dem großen Topf, der allen Menschen reichlich Nahrung bot, zwei Männer.
"Sieh doch!" Er zerrte den Weisen von seinem Stein und wies mit der Hand in Richtung des Topfes. "Keiner stört sie dabei, wenn sie sich Nahrung holen wollen. Da - Schau! Der eine kann seinen langen Löffel in aller Ruhe in den Topf tauchen. Und jetzt, jetzt hält er den gefüllten Löffel, um den anderen davon essen zu lassen. Das ist ... richtig ... die Menschen haben gelernt, sich gegenseitig zu füttern. Das ist das Geheimnis des Himmels!"
"Ist das wirklich ein Geheimnis?"
Der Weise schaute den Ratsuchenden ernst an. Dann lächelte er, wandte sich ab und ging den Weg zurück, den sie beide gekommen waren, ohne sich nocheinmal nach dem Ratsuchenden umzudrehen.